Der Suderant

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This will be my year

Bettlägrige Menschen verlassen ihre Wohnung öfter als ich. Zwei Wochen Urlaub haben aus mir einen Pflegefall gemacht. mjam.at ist meine Heimhilfe.

Wenn ich aufwache, ist es draußen schon wieder dunkel. Ächzend schlurfe ich ins Badezimmer und drücke die doppelte Ration Zahnpasta aus der Tube, um den Geschmack von Zigaretten und Kebap aus dem Mund zu vertreiben. Der Blick in den Spiegel macht mich zuversichtlich, dass 2013 mein Jahr wird.

Auf dem Weg zurück ins Schlafzimmer stolpere ich über einen Berg von Geburtstagsgeschenken für Frauen, mit denen es aus war, bevor ich ihnen die Sachen geben konnte: ein singendes Stofftier, eine „Dirty Dancing“-DVD, ein Ryan-Gosling-Malbuch. Look who’s laughing now, Mädels, das gehört jetzt alles mir!

Endlich zurück im Bett. Auf der Anlage läuft dieselbe beschissene Blur-Platte, die schon seit Monaten im CD-Wechsler liegt. Ich bin zu faul, um etwas anderes aufzulegen, und Alternativen gibts eh keine. Ein Auszug aus meinem Plattenregal L-N: Live, Living Colour, Machine Head, das Soloalbum von Duff McKagan und Mötley Fucking Crüe. Wenigstens habe ich die Singles-Box von Alanis Morissette bei meinen Eltern gelassen, als ich ausgezogen bin, sonst müsste ich meine gesamte Existenz in Frage stellen.

Während ich im Dunkeln auf dem Rücken liege, stelle ich meine gesamte Existenz in Frage. So viel Leid muss sich in Kunst niederschlagen. Ich greife zur Gitarre, die neben mir im Bett liegt. (Wenn man nachmittags betrunken erwacht, fühlt man sich damit mehr wie ein Rockstar und weniger wie der Alkoholiker, der man höchstwahrscheinlich ist.) Die Gitarre gibt etwas von sich, das ein G-Akkord sein sollte, aber klingt wie die Vertonung allen Übels auf der Welt (and not in a good way). Ich schreibe einen großartigen Song, der sich als „All You Need Is Love“ herausstellt, als ich gerade mit den Lyrics fertig bin.

Freunde. Ich brauche jetzt Freunde. Auf dem Handy sind drei ungelesene Nachrichten: Einladungen zum Brunch um 2. Das ist drei Stunden her. Mühselig tippse ich ironisch-verschmitzte Erklärungen für meine späte Antwort, als ob die Menschen, die mir lieb und teuer sind, nicht längst über mein elendes Slackertum Bescheid wüssten. Ich horche in die Dunkelheit hinein, aber niemand schreibt zurück.

Also schleppe ich mich in die Küche. Warum Einkaufen gehen, wenn man wiederholt in den Kühlschrank schauen und hoffen kann, dass er sich irgendwie selbst gefüllt hat? Weil keine Milch da ist, beschließe ich, den Kaffee mit Joghurt zu trinken, was sich bald als die schlechteste Idee erweist, die jemals ein Mensch hatte.

Vor dem Computer erinnere ich mich an unbeantwortete Mails, an ungeschriebene Artikel, an unbezahlte Rechnungen. Jetzt ist Zeit, das alles anzupacken. Wann, wenn nicht jetzt? Ich habe Urlaub, ich bin ausgeschlafen – zumindest sollte man nach 13 Stunden Schlaf ausgeschlafen sein, oder nicht? –, ich bin das Leben selbst. Nothing can stop me now!

Ich öffne Facebook und versuche, nicht groß über die Konsequenzen nachzudenken.

Oben links eine Freundschaftsanfrage. Wider Erwarten ist sie nicht von der bezaubernden Frau, die mir gestern die Historie ihrer Ex-Freunde plus Schlussmachgründe erklärt hat, sondern von einem mir unbekannten Herren. Er stellt sich später als das Alter Ego von E heraus, der eine neue Identität braucht, weil er zu viele Freunde hat. So muss jeder sein Pinkerl tragen.

Während ich die Status-Updates entlangscrolle und mir Bilder der Haustiere von Menschen ansehe, die ich ein Mal im Leben getroffen habe, überkommt mich eine optimistische Grundstimmung, weil ich den Großteil der Menschheit noch mehr hasse als mich selbst.

Genug gearbeitet.

Warum liegt auf meinem Schreibtisch ein Jagdmesser? Egal. Nicht darüber nachdenken. Es wird schon alles seine Richtigkeit haben.

Unglücklicherweise muss ich auf dem Weg zurück ins Bett an einer Spiegelwand vorbei. Ein Blick auf meine weißen Beine, die Augenringe und den Bauchansatz bestätigt: 2013 wird mein Jahr!

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