Der Suderant

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Miss-Haufen

Gewaltfantasien und Selbstmordgedanken bei der Miss Austria Wahl 2012.

Am Eingang halten wir dem älteren Herrn hinter uns die Tür auf. „Wos gibt’s leicht?“, fragt er hektisch, aber nicht unfreundlich. Offenbar ist Richard Lugner es nicht gewohnt, dass Leute ihm einen Gefallen tun, ohne von ihm zu erwarten, dass er im Gegenzug seine Nase in eine Kamera hält. „Äh, eh nix“, erwidern wir, und Lugner zieht eilig weiter – vermutlich zur nächsten Kamera.

Wir haben uns im Casino Baden eingefunden, um der Miss Austria Wahl 2012 beizuwohnen. Wie ich in dieses Schlamassel geraten bin, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass wir jetzt hier sind, in unseren feinsten Anzügen und Abendkleidern, auf der Suche nach der schönsten unter den großen Töchtern dieses Landes (wenig überraschend wird sich am Ende herausstellen, dass die schönste Österreicherin eine Russin ist).

Casino Baden

Wer zu viel Geld hat, lässt es hier, im Casino Baden.

Im ersten Stock tummelt sich bereits das Who-Is-Who der ATV-Schickeria: neben Mörtel finden sich Bambi und Mausi und dazwischen auch ein paar weniger wichtige Leute mit richtigen Menschen-Vornamen. Die letztjährige Miss Austria, Carmen Stamboli, schenkt den Fotografen ihr Botox-Lächeln. Man erblickt nur wenige Gäste mit natürlichen Gesichtszügen. Die meisten tragen aufgemalte Augenbrauen, Schlauchbootlippen und Faceliftings zur Schau, die ihren Gesichtern den Ausdruck ängstlicher Kätzchen verleihen. Wer zur High Society gehören will, darf scheinbar nicht wie ein Erdenbürger aussehen.

Wir entfliehen dem Maskenball im Foyer und betreten den Festsaal – Zutritt nur für VIPs (und jeden, der 130 Euro hinblättert): Schönheitschirurgen, Unternehmer, Adelige. Society-Ladys und -Prinzen (so steht es auf den Platzkärtchen). An unserem Tisch sitzt auch eine ehemalige Miss Austria aus den 90er Jahren. Sie findet Gefallen an der pinken Kamera meiner Begleiterin und steckt uns ihre Visitenkarte zu. „Supermodel Eva“, ist darauf zu lesen. „Vielen Dank für Ihren Besuch auf meiner Homepage“. Wir bedanken uns und versuchen, ein wenig Small Talk zu betreiben. Doch nachdem das Wunder der pinken Kamera hinreichend thematisiert wurde, macht sich unangenehme Stille breit, und ich erwarte jeden Moment ein vorbeiwehendes Tumbleweed. Ungefähr zur selben Zeit entdecke ich, dass der Wein gratis ist.

Nach einem zweigängigen Abendessen gehen die Lichter im Saal aus, und er erscheint: „Dreifacher Romy-Preisträger, drei Mal zum Journalisten des Jahres gewählt. Dominiiiiiiiic Heinzllllllll!“

Heinzl

Dreifacher Journalist des Jahres. Vollkommen zu Recht.

In einem Pailletten-besetzten Smoking tänzelt Heinzl über die Bühne. Der blondierte Seitenscheitel hängt ihm ins Gesicht, das aussieht, als hätte er jahrelang unter der heißen Sonne Australiens Krokodile gejagt. Heinzl kalauert sich durch Schmähs über die AUA und die Lugner City, beflegelt den Soundmann („Du bist schiach, i bin schee“) und flirtet mit Mausi Lugner. Er redet und redet und redet. Als die eigentliche Show endlich beginnt, ist es bereits nach zehn Uhr, und ein tiefes Gefühl innerer Beklemmung überkommt mich. Dankenswerterweise ist meine Begleitung mit der Rotweinflasche zur Stelle und sieht zu, dass mein Alkoholpegel sich nicht in die falsche Richtung bewegt.

Im Laufe des Abends werden die Teilnehmerinnen – Missen und Vizemissen aus den Bundesländern sowie eine Miss Online“ – vorgestellt. Das Prozedere sieht hierbei wie folgt aus: Heinzl stellt eine Frage, die darauf abzielt, seine Interviewpartnerin dumm dastehen zu lassen („Naaaaa, was war denn im Jahr 1789, hmmmmm?“). Die Miss ist damit in aller Regel überfordert und gibt sich als liebenswertes kleines Dummchen („Das hamma beim Studium noch nicht durchg’macht, hihi.“). Das Publikum vergeht in selbstherrlichem Gelächter, bevor Heinzl die Situation mit einem anzüglichen Witzchen entspannt („So jung und fesch, da muss man nicht alles wissen“).

Heinzl und Miss

Hihi, hoho! Heinzl beim Geplänkel mit einer Miss.

Während Heinzl eine Teilnehmerin nach den Sehenswürdigkeiten der Weststeiermark befragt, und sie zum Amüsement der Zuseher die „Mundblashütte“ nennt, wandert mein Blick auf den Tisch. Wenn ich flink bin, überlege ich, könnte es mir gelingen, eine der liegengebliebenen Gabeln zu erhaschen und sie mir in die Kehle zu rammen, bevor das Personal das Besteck abserviert. Doch ich zögere zu lange und schon räumt eine emsige Do&Co-Kraft den Tisch ab.

Heinzl bittet einen Vertreter der Miss Austria Corporation zu sich, der wir diesen und andere Schönheitswettbewerbe zu verdanken haben. Der Mann hievt seinen geriatrischen Körper auf die Bühne und nimmt dem Moderator das Mikro aus der Hand. Die Miss Austria Wahl sei für alle Teilnehmerinnen eine große Chance, erzählt er. Eine der vergangenen Siegerinnen hätte das eindrucksvoll bewiesen: „Sie ist bei der internationalen Miss Universe angetreten, und dort zur besten Frau gewählt worden. Also, zur besten hellhäutigen, gewonnen hat eine dunkelhäutige. Sie hat dann Roberto Cavallo kennen und lieben gelernt. Heute ist sie mit ihm verheiratet und steht dem großen Cavallo-Imperium vor.“ Jauchze, jubilier und singe, feministisches Herz, endlich können auch Frauen Karriere machen!

Wollen auch zur  „besten hellhäutigen Frau“ gewählt werden: die Missen.

Dann lassen die Missen die Hüllen fallen. Auf den Badeanzug-Durchgang folgt die Bikini-Runde. Als ich mich gerade Rotwein-schlürfend von den letzten Resten meines Intellekts verabschiede und die vorbeistaksenden Ärsche evaluiere, tippt mir meine Begleiterin auf die Schulter: Der eine Juror is a Arbeitskollege von mir“, flüstert sie mir ins Ohr. „Dem hob i bei der Firmenfaschingsfeier Lametta auf die Glotzn aufipickt.“ Eine schöne Anekdote zu später Stunde.

Als sich der Abend dem Ende zuneigt, glaube ich, ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Es erweist sich jedoch schnell als Starlight-Express, der mit Vollgas auf uns zugerast kommt. Was wir nämlich noch vor uns haben, ist ein ganz besonderer musikalischer Leckerbissen…

Sister Act meets Queen

Joyful, joyful!

Männer und Frauen in Nonnenkostümen hopsen auf die Bühne, um ein Medley aus „Sister Act“-Songs und den größten Hits von Queen zum Besten zu geben. Genüsslich beginne ich, mir „Final Destination“-artige Szenarien auszumalen: Ein Scheinwerfer stürzt herab und erschlägt Dominic Heinzl. Durch einen Kurzschluss entzünden sich die Vorhänge. Die panische Menge stolpert zu den Ausgängen und zertrampelt den hilflos auf dem Boden liegenden Tony Wegas. Doch alle Ausgänge sind versperrt. Hunderte sterben in der Feuersbrunst. Zurück bleiben nur Asche und der Geruch von verbranntem Silikon.

No such luck. The show must go on.

Party

Don’t stop me now, I’m having a good time!

Immerhin: Wir haben es in die letzte Runde geschafft. Die Punkte der Juroren werden zusammengezählt, und die fünf Finalistinnen versammeln sich ein letztes Mal auf der Bühne.

Angespanntes Warten.

Wie man aus Casting-Shows weiß, muss dieser Moment zelebriert werden wie eine heilige Messe. Die Bekanntgabe der Siegerin erfolgt im Stil von Dagobert, dem Krokodil („Gewonnen hat… Wollt’s ihr’s wirklich wissen? Ich sag’s niiiiiicht…“) und wird so lange hinausgezögert, bis man Heinzl sein Mikrofon aus der Hand reißen und ihn damit krankenhausreif prügeln möchte.

Endlich – ENDLICH! – nennt er den Namen der Siegerin: Es ist die 17-jährige Amina Mirzakhanova alias Dagi (nein, nicht diese Dagi).

Die Dagi

„Ihr Familienname war so unaussprechlich, dass sie in Österreich einen annahm, der an ihr Geburtsland erinnert und dennoch einfach über die Lippen kommt“, wird man am nächsten Tag im Internet über die gebürtige Russin lesen können. So was nennt man dann wohl Integration. Michael Häupl wird stolz sein.

Als wir uns endlich zum Ausgang bewegen, fühle ich mich erleichtert und schmutzig zugleich, als wäre mir der letzte Rest einer gar nicht mehr vermuteten Unschuld genommen worden. Ein Ambros-Zitat kommt mir in den Sinn: „Wem heut ned schlecht ist/Des kann ka Guada sein.“ Ich muss mehr Ambros hören, denke ich.

Mehr dazu demnächst…

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