Der Suderant

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Mobile reporting at its best!

Das deutsche Kanzlerduell 2013 war eine ziemliche Schnarchpartie. Zum Glück haben wir uns hinter den Kulissen die Zeit mit großartigem Journalismus vertrieben.

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Angela Merkel beim TV-Duell

Die Frau am Schalter würdigt mich kaum eines Blickes. Ich habe extra meinen Reisepass mitgebracht, außerdem meinen Presseausweis und eine Bestätigung meiner Akkreditierung. Das alles interessiert sie nicht. Forsch fordert sie mich auf, meinen Namen zu sagen. Ich tue es, und sie reicht mir ein Lanyard mit meinem Zutrittspass.

Ich hatte angenommen, dass es schwerer sein würde, ins Studio zu kommen. Immerhin werden hier gleich Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Peer Steinbrück zum „Kanzlerduell“ antreten. Einen Raum weiter wird mir dann klar, warum es am Eingang so locker zugeht: Die Zuschauer befinden sich nicht im selben Studio wie Merkel und Steinbrück, sondern in einer großen Halle, in der die TV-Konfrontation auf zwei Leinwänden übertragen wird. Ich bin also eine Stunde lang mit dem Fahrrad zum Studio in Adlershof gefahren, um mir die Diskussion im Fernsehen anzusehen. Der Abend beginnt gut.

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Gemütliche Wohnzimmeratmosphäre zwischen Kameras, Scheinwerfern und Menschen in Anzügen.

In der Halle wuseln Menschen in Anzügen umher, dazwischen Kellner, die Häppchen und Getränke servieren. Ich suche meine Kollegen A, B, C, und D und finde sie erwartungsgemäß an der Weinbar. Aufgeregt begrüßen sie mich. Ob ich schon die vielen Promis gesehen hätte, fragt mich A. „Da hinten ist Ingo Appelt, gleich hinter dir steht Uschi Glas, und der da rechts ist… na, wie hieß er noch… den kennt man doch….“ Den Menschen neben mir habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Um A nicht zu enttäuschen, sage ich trotzdem ehrfurchtsvoll „Aaaahhh!„. Sie gibt sich damit zufrieden.

Die Aufregung meiner Kollegen befremdet mich ein bisschen. Über ihre Smartphones gebeugt stehen sie da und twittern ein Sammelsurium aus Hashtags, Links und Selbstportraits. Anscheinend gibt es Leute da draußen, die das interessiert, denn wenig später hält mir Kollege B triumphierend sein Handy unter die Nase: „Alter, der Branding-Manager von Ernst & Young hat meinen Tweet retweetet!!“

Kollegin C befiehlt mir, auch zu twittern. Hastig verfasse ich einen Tweet für meine 22 Follower über das Buffett beim #tvduell zur #BTW2013. Der richtige Hashtag lautet jedoch #BTW13 und Buffet schreibt man nur mit einem „t“. Ob ich das jetzt noch korrigieren könne, frage ich C. „Nein“, sagt sie mit strenger Miene und hackt weiter mit beiden Daumen auf die Tastatur ihres Handys ein.

„Alter, mir folgt jetzt Peter Altmaier!!!“, ruft B im Vorbeigehen.

Endlich beginnt das „Duell“. Wir richten unsere Blicke auf die Leinwand. Ich bin zuversichtlich, dass ich heute viel über deutsche Innenpolitik lernen werde. Ich kann es kaum erwarten, mich zu entrüsten, den Kopf zu schütteln, die Faust in die Luft zu recken und zu schreien: „Jaaaaa!! Meine Stimme habt ihr… hättet ihr… wenn ich wahlberechtigt wäre!!!!“ 

Nach etwa einer Minute merke ich allerdings, dass ich dem monotonen Gequatsche, das da oben von der Leinwand hallt, nicht mehr zuhöre. Steinbrück und Merkel fallen ja fast selbst die Augen zu, während sie ihre Wahlslogans herunterbeten. „Deutschland steht heute gut da“ hier, „Mindestlohn einführen, Strompreise nicht erhöhen“ da. Ab und zu quäkt Stefan Raab als fleischgewordene Bankrotterklärung des deutschen Polit-Journalismus dazwischen. Dann lachen die Zuschauer pflichtschuldig und sagen: „Nein, dieser Raab, solche Fragen stellt sonst keiner!

Auch meine Kollegen schenken dem Geschehen auf der Leinwand keine Beachtung mehr. Sie scheinen diesen Abend auf einer Meta-Ebene dokumentieren zu wollen und fotografieren Menschen, die Menschen fotografieren, die gerade von Kamerateams interviewt werden. „Mobile reporting at its best“, nennt B das später. Ich überlege ein Foto davon zu machen, wie Menschen Menschen fotografieren, die Menschen fotografieren, die gerade gefilmt werden und entscheide mich aus Respekt vor mir selbst dagegen.

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Anstattdessen mache ich dieses Bild: Traumberuf Kameramann.

Endlich geht das „Duell“ zu Ende. Jetzt beginnt für uns die Jagd. Wie hungrige Wölfe stürzen wir uns auf Klaas Heufer-Umlauf, Peter Altmaier und Ursula von der Leyen. Vor uns ist niemand sicher. Wir haben Blut geleckt. Wir sind Interview-geil. In meiner Euphorie schlage ich ein Interview mit Uschi Glas vor. Die Reaktion meiner Kollegen muss man sich vorstellen wie die Szene im Western, wenn der Sheriff in die Bar kommt und die gute Stimmung im Saloon mit einem Mal vorbei ist. Der Pianist hört auf zu spielen. Alle sehen mich entgeistert an.

„Uschi Glas“, sagt D. „Das passt irgendwie zu dir.“ Es ist vielleicht das Demütigendste, was je ein Mensch zu mir gesagt hat.

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ORF-Korrespondent Peter Fritz weiß die Uschi auch zu schätzen.

Als wir uns zum Ausgang bewegen, um den langen Heimweg anzutreten, bekomme ich ein bisschen Heimweh. Sehnsüchtig denke ich an die lustigen Kanzlerduelle in Österreich.

Daheim ist es halt doch am schönsten…

This will be my year

Bettlägrige Menschen verlassen ihre Wohnung öfter als ich. Zwei Wochen Urlaub haben aus mir einen Pflegefall gemacht. mjam.at ist meine Heimhilfe.

Wenn ich aufwache, ist es draußen schon wieder dunkel. Ächzend schlurfe ich ins Badezimmer und drücke die doppelte Ration Zahnpasta aus der Tube, um den Geschmack von Zigaretten und Kebap aus dem Mund zu vertreiben. Der Blick in den Spiegel macht mich zuversichtlich, dass 2013 mein Jahr wird.

Auf dem Weg zurück ins Schlafzimmer stolpere ich über einen Berg von Geburtstagsgeschenken für Frauen, mit denen es aus war, bevor ich ihnen die Sachen geben konnte: ein singendes Stofftier, eine „Dirty Dancing“-DVD, ein Ryan-Gosling-Malbuch. Look who’s laughing now, Mädels, das gehört jetzt alles mir!

Endlich zurück im Bett. Auf der Anlage läuft dieselbe beschissene Blur-Platte, die schon seit Monaten im CD-Wechsler liegt. Ich bin zu faul, um etwas anderes aufzulegen, und Alternativen gibts eh keine. Ein Auszug aus meinem Plattenregal L-N: Live, Living Colour, Machine Head, das Soloalbum von Duff McKagan und Mötley Fucking Crüe. Wenigstens habe ich die Singles-Box von Alanis Morissette bei meinen Eltern gelassen, als ich ausgezogen bin, sonst müsste ich meine gesamte Existenz in Frage stellen.

Während ich im Dunkeln auf dem Rücken liege, stelle ich meine gesamte Existenz in Frage. So viel Leid muss sich in Kunst niederschlagen. Ich greife zur Gitarre, die neben mir im Bett liegt. (Wenn man nachmittags betrunken erwacht, fühlt man sich damit mehr wie ein Rockstar und weniger wie der Alkoholiker, der man höchstwahrscheinlich ist.) Die Gitarre gibt etwas von sich, das ein G-Akkord sein sollte, aber klingt wie die Vertonung allen Übels auf der Welt (and not in a good way). Ich schreibe einen großartigen Song, der sich als „All You Need Is Love“ herausstellt, als ich gerade mit den Lyrics fertig bin.

Freunde. Ich brauche jetzt Freunde. Auf dem Handy sind drei ungelesene Nachrichten: Einladungen zum Brunch um 2. Das ist drei Stunden her. Mühselig tippse ich ironisch-verschmitzte Erklärungen für meine späte Antwort, als ob die Menschen, die mir lieb und teuer sind, nicht längst über mein elendes Slackertum Bescheid wüssten. Ich horche in die Dunkelheit hinein, aber niemand schreibt zurück.

Also schleppe ich mich in die Küche. Warum Einkaufen gehen, wenn man wiederholt in den Kühlschrank schauen und hoffen kann, dass er sich irgendwie selbst gefüllt hat? Weil keine Milch da ist, beschließe ich, den Kaffee mit Joghurt zu trinken, was sich bald als die schlechteste Idee erweist, die jemals ein Mensch hatte.

Vor dem Computer erinnere ich mich an unbeantwortete Mails, an ungeschriebene Artikel, an unbezahlte Rechnungen. Jetzt ist Zeit, das alles anzupacken. Wann, wenn nicht jetzt? Ich habe Urlaub, ich bin ausgeschlafen – zumindest sollte man nach 13 Stunden Schlaf ausgeschlafen sein, oder nicht? –, ich bin das Leben selbst. Nothing can stop me now!

Ich öffne Facebook und versuche, nicht groß über die Konsequenzen nachzudenken.

Oben links eine Freundschaftsanfrage. Wider Erwarten ist sie nicht von der bezaubernden Frau, die mir gestern die Historie ihrer Ex-Freunde plus Schlussmachgründe erklärt hat, sondern von einem mir unbekannten Herren. Er stellt sich später als das Alter Ego von E heraus, der eine neue Identität braucht, weil er zu viele Freunde hat. So muss jeder sein Pinkerl tragen.

Während ich die Status-Updates entlangscrolle und mir Bilder der Haustiere von Menschen ansehe, die ich ein Mal im Leben getroffen habe, überkommt mich eine optimistische Grundstimmung, weil ich den Großteil der Menschheit noch mehr hasse als mich selbst.

Genug gearbeitet.

Warum liegt auf meinem Schreibtisch ein Jagdmesser? Egal. Nicht darüber nachdenken. Es wird schon alles seine Richtigkeit haben.

Unglücklicherweise muss ich auf dem Weg zurück ins Bett an einer Spiegelwand vorbei. Ein Blick auf meine weißen Beine, die Augenringe und den Bauchansatz bestätigt: 2013 wird mein Jahr!

Saved by The Boss

Every morning, when I get up and sit down at the living room table with a bowl of cornflakes, Bruce Springsteen is there to greet me with a smile. He smirks at me from a “Born To Run”-poster, that’s been hanging on my wall for over a decade now. I remember the day I got it vividly. It was one of the best days of my life…

Bruce smirks, Tom waits

It was the spring of 1999. Up until then my coming-of-age had not exactly played out like a John Hughes movie: pimple-faced and socially awkward I didn’t attract any Molly Ringwalds. Instead of living the Ferris Bueller high-life, I was pretty much ignored by my fellow students. I found it hard to fit in with boys my age. What was more, I didn’t want to fit in with the baggy pants wearing jocks who yelled “faggot” at anyone who was physically smaller, had better grades or wouldn’t know how to kick a football if his life depended on it (I fell into all three of those categories). Naturally, I turned into a loner pretty soon.

What has Springsteen got to do with all of this? Well, everything.

It’s hard to describe how much reassurance a simple line like We bursted out of class/Had to get away from those foolscan give an irritated teenage boy. It made me feel less alone. I did learn more from that three-minute record than I ever learned in school: I learned how to walk the halls with swagger amidst people who despised me and vice versa. No retreat, baby, no surrender.

I had only discovered Springsteen’s music when I was about 14 years old. I got “Born In The U.S.A.” and “Born To Run” first and was hooked straight away. The more I listened, the less I could get enough of all those stories of shattered dreams, guys racing in the streets and girls waiting on the porch for a wild-eyed lover in some huge American car to take them to a better place. Springsteen had a way of turning frustration into energy. He made it seem cool to be an outcast.  To my miserable teenage ears his songs were like a voice of reason when nothing else made much sense.  I immediately accepted him as The Boss.

Around the same time I fell madly in love with a girl that I’d like to call Mary for the purposes of this article. She was not only the prettiest and most intelligent girl in school, but also one of the few people my age who behaved like a normal, kind human being – and for some reason she showed interest in acne-plagued old me. We started going out on a few dates, and although I never dared to dream that any more could come of it, for the first time in a long time the outside world didn’t just seem to be hostile and repellent.

Then it was announced that Springsteen would get the E Street Band back together, and they’d go on a tour, which would also bring them to Vienna, where I lived.

That was the icing on the cake. It was perfect timing. I collected every piece of information I could get my hands on. In 1999 most people already had access to the internet, but my family wasn’t most people. My dad was convinced that all you really needed to make it into the next century was teletext. Somehow I still managed to piece together the setlist Springsteen and the band were playing on that tour. I put all the songs on a mix-tape and proceeded to blast them through my crappy Walkman headphones 24/7. When the big day – the day the E Street Band came to Vienna – finally arrived, I was more than ready.

My mom drove me to the concert hall at noon. I had dressed up in a white shirt and a waistcoat, Bruce-style – only I wasn’t Bruce and looked like a bit of a dork.

Glad I never got my hands on a bolo tie...

Thank God I never got my hands on a bolo tie…

At the venue some fans had already gathered, drinking beer and waiting for the gates to open.  As we stood there, a man – I’d like to believe it was Jon Landeau in hindsight – joined us at the fence and asked us not to run, once we were let in.

This is going to be a three-hours show”, he said. “Let’s make sure we can all enjoy it without anybody getting hurt.

His words just got us more excited. Three hours! Of course, when the gates did open, we all ran like the devil.

What happened inside later that night, doesn’t really need to be described. Most of you have experienced the power of a Springsteen performance yourselves. It was a mind-blowing show, easily the best gig anyone had ever played anywhere. Just like every time I saw Springsteen afterwards.

I came out of the hall sweaty and happy and felt like a newborn. I spent the last of my hard-saved pocket money on a t-shirt and a poster – the poster – and thought about what to do next. Going home was not an option. I was still too hyped up from what I had just witnessed.

In my euphoria I worked up the courage to call Mary. She was at a party with friends and asked me to join her. I did, and as we finally kissed, I made a solemn promise in my head to let the world know someday that Springsteen saved my life that night.

Hey, give me a break! I was just an excited kid in a waistcoat.

Mary and I would stay together for ten years. It was a huge Springsteen-esque romance (we probably “swore we’d never part” at some point) – but it wasn’t meant to last. When we split up – incidentally weeks after another E Street Band show –, I resorted to Springsteen’s music for comfort again and found it in songs like “Drive All Night” and “One Step Up”.

It’s this quality I admire most in The Boss: He never lets you down. He celebrates with you when you’re winning and picks you up when you’re down. He’s like the best friend that I’ve never met. And that’s why that poster in my living room isn’t coming off any time soon.

This article was first published in „Jungleland – A Springzine

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