Der Suderant

Luft, Liebe und Leberkäs

Das Schlager-Duo Marjan & Lukas präsentiert sein Debütalbum „Luft und Liebe“. Eine der beiden Zutaten wird heiß serviert.

Mittags reißt mich eine SMS von meinem guten Freund M aus dem Schlaf. „Gehe heute Abend zu einem Schlager-Showcase. Bock mitzukommen?“, schreibt er. Wenig später folgt ein Nachtrag: „Es gibt gratis Leberkäs!“

Das Event, zu dem M mich locken will, ist die CD-Präsentation des Schlager-Duos Marjan & Lukas im Gürtelbogenlokal Local. Als ich dort ankomme, gibt es zwar keinen Leberkäs, dafür steht Alfons Haider mit stolzem Gockelblick und blauem Ledersakko am Eingang. Nicht weit von ihm tummeln sich die Kamerateams von ATV und Chili. Vielversprechende Vorzeichen also für einen unvergesslichen Abend.

Ort des Geschehens: Das Local, 1190 Wien

M ist gerade in ein Gespräch mit einem Arbeitskollegen vertieft, der, wie sich herausstellt, ebenfalls mit der Aussicht auf Gratisleberkäse geködert wurde. Ich sehe mich um und überlege, ob wohl irgendwer aus einem anderen Grund hergekommen ist. Tatsächlich scheint der Großteil des Publikums aus einer Mischung von Leuten zu bestehen, die überall anders lieber wären als hier: Society-Reporter, Kameramänner und Vertreter der Plattenfirma, die sich phlegmatisch betrinken. Vereinzelt sieht man auch ältere Damen und präpubertäre Mädels, reine Seelen, die Eintrittskarten gewonnen haben und sich ehrlich auf das anstehende Konzert freuen.

Wenige Meter von uns entfernt stehen Marjan Shaki und Lukas Perman, die Stars des Abends, und geben Interviews. Sie tun dies scheinbar ausschließlich in Löffelchenstellung. Lukas ist manchen vielleicht noch als Teilnehmer der ersten Staffel von „Starmania“ in Erinnerung, bei der er vor Boris Uran und Andreas Schneider ausgeschieden ist (was eine ganze Menge über das Charisma dieses Mannes verrät). Heute ist Lukas Musical-Sänger. Bei der Arbeit an einer Inszenierung von „Romeo und Julia“ lernte er Marjan kennen. „‚450 Abende lang Küsse und gemeinsames Sterben auf der Bühne“, schwelgt er. „Wir konnten gar nicht anders als uns zu verlieben.“

Das „verflixte“ siebte Jahr einer Beziehung nutzen viele Paare, um sich zu trennen. Marjan & Lukas haben ein Schlager-Album aufgenommen: „Luft und Liebe“. Heute Abend wollen sie das Werk der Welt präsentieren.

Marjan & Lukas. (v.l.), Luft & Liebe. (v.r.)

Wir betreten das Lokal und erhalten ein paar willkommene Bons für Freigetränke. Es dauert nicht lange, dann erklimmen Marjan & Lukas die Bühne. Toll, dass so viele gekommen sind!“, sagt Lukas mit dem Charme eines Vorzugsschülers, der sich freiwillig zur Stundenwiederholung meldet. Hoffentlich wird das Wetter morgen auch so schön, damit die aus Deutschland angereisten Journalisten Wien auch so richtig genießen können.“

Das Playback setzt ein.Ich gehör dir/Dein Herz hat mich eingekreist“, croont sich Marjan in Rage. Jetzt geht’s richtig los: Händchenhalten, Grinsen, Glücklichsein – so muss es sich Sven Regener erträumen, wenn er bei Konzerten die Arme hochreißt und ungestüm Romantik einfordert. Uns wird schnell klar, dass wir mit den wenigen uns gegebenen Freigetränken nicht das Auslangen finden werden.

Zwischen den Songs redet Lukas gerne und viel. Er wolle den Schlager wieder zurück zu seinen Wurzeln führen, meint er, zurück zu Katharina Valente und Peter Alexander. „Als Schlager einfach so viel bedeutete wie ‚Hit‘ – a guh-ade Scheibn halt!“ Dann setzt er sich eine rosa Sonnenbrille mit Herzchengläsern auf die Nase und turtelt mit Marjan wie einst Peter Kraus mit Connie Froboess. Dabei wird unablässig gegrinst. Wenn man in der U-Bahn so angegrinst wird, sieht man besser zu, dass man weiterkommt, bevor man ein Messer im Rücken hat.

Grinsekatzen.

Ich mache mir ein wenig Sorgen um M, der schon seit längerem das Gesicht verzieht, als hätte er Zahnschmerzen. Das hat er jetzt von seinen Leberkäs-Lügen. Immer wieder blenden uns die Scheinwerfer der TV-Kameras, also versuche ich, einen ostentativ gelangweilten Gesichtsausdruck aufzusetzen, um im Fernsehen später möglichst cool auszusehen. Vielleicht, stelle ich mir vor, wird Schlagerhören durch uns das nächste ironische Hipster-Ding nach Schnurrbärten und geschmacklosen Strickpullovern von Humana. (Meine Hoffnung erweist sich bald als unbegründet: Am nächsten Tag werden M und ich in einem Beitrag auf ATV als „biertrinkende Touristen“ bezeichnet.)

Auf der Bühne haben sich unterdessen ein Pianist und ein Gitarrist eingefunden. Marjan äußert den Wunsch, dass sich die beiden während des nächsten Stücks ineinander verlieben. Hier muss wirklich alles Liebe sein. Liebe bis zum Abwinken. Wollt ihr die totale Liebe? Seit 5:45 Uhr wird zurückgeliebt!

Selbst auf dem Klo zählt nur die Liebe.

Und wie heißt das nächste Stück? „Überall ist Liebe“ natürlich! Es enthält die eigenwillige Textzeile „Zwei Männer Hand in Hand auf einem Bahnhof“. Obwohl es erfreulich ist, dass Homosexualität im Schlagergenre scheinbar mehr Akzeptanz findet als beim Pfarrer von Stützenhofen, erscheint das Setting, in dem diese beiden Herren präsentiert werden, eigenartig. Vielleicht wäre eine Autobahnraststätte draus geworden, wenn es das Versmaß zugelassen hätte.

Schließlich hat Marjan die erste wirklich gute Idee des Abends: Jedes Mal, wenn sie das L-Wort sagt oder singt, sollen wir, das Publikum, ein Stamperl Schnaps trinken – ein grandioser Vorschlag, doch leider ist die Leber, die so viel Schnaps verträgt, noch nicht geboren. (Aber ich bitte dich, komm zur Welt!) So kämpfen wir uns einigermaßen nüchtern durch den letzten Song, „Luft und Liebe“, ehe der Spuk ein Ende nimmt.

Als Marjan & Lukas von der Bühne gehen, werden sie von Kamerateams eingekreist, und Alfons Haider stürzt sich auf die beiden wie ein hungriger Löwe auf ein trächtiges Gnuweibchen. Schnell suchen wir den Weg ins Freie, wo weniger Liebe und mehr Luft ist.

Alfons Haider und ein Hemdkragen, mit dem man um die Welt segeln kann.

Auf dem Nachhauseweg hole ich mir meine wohlverdiente Leberkässemmel vom Würstelstand. Während ich sie verspeise, geht mir „Luft und Liebe“ noch immer im Kopf herum. Ein Ambros-Titel kommt mir in den Sinn: „Von Liebe ka Spur“. Ich muss mehr Ambros hören…

(Achtung! Das folgende Video ist ein Ohrwurm aus der Hölle. You can’t unhear it! Anklicken auf eigene Gefahr.)

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9 Gedanken zu „Luft, Liebe und Leberkäs

  1. Da hat wohl die bezaubernde Begleitung vom Miss-Abend mit der Rotwein-Flasche gefehlt…

  2. Brean sagte am :

    Großartig, dieser Humor …. 🙂

  3. andere sagte am :

    der ohrwurm klingt wie the winner takes it all, find ich. insofern, ohrwurm- ja. aber einen, den schon abba vor hundert jahren in die köpfe der menschen gesetzt hat.

    und yeey zum regener hint 😀

    nur eine kitzekleine kritik lass mich loswerden, wo du doch, seit du bloggst, sicher eh nur mit lob, gold und myrrhe überhäuft wirst- bitte sag mir, dass das design hier bald mal geändert wird. du kennst doch sicher eh supercoole werbeagenturtypen und arbeitslose hipstergrafiker, die dir sicher in ihrer arbeitszeit mit vergnügen was lässiges zusammenbasteln. ich würd eines der sicher zahlreichen angebote annehmen 😛

  4. Danke! Ja, ich weiß schon gar nicht mehr wohin mit der ganzen Myrrhe. 🙂 Aber das Design mag ich eigentlich ganz gern so simpel…

    • Anonymous sagte am :

      Das find ich mal lustig geschrieben… Schön, daß du trotzdem da warst 😉 Liebe Grüße,
      Marjan

      P.S Leberkäs hätt’s übrigens nebenan gegeben

      • Janina sagte am :

        Ich lese es schon zum zweiten Mal und finds nun noch besser (das Design geht eigentlich auch klar) 🙂 Mehr in einer baldigen Mail, die nur so voller Liebe trieft 🙂

  5. Anonymous sagte am :

    der refrain von luft & liebe ist justiziabel nah an dem refrain von:

  6. Anonymous sagte am :

    ich kann nicht soviel essen, was ich kotzen könnte…

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