Der Suderant

Miss-Haufen

Gewaltfantasien und Selbstmordgedanken bei der Miss Austria Wahl 2012.

Am Eingang halten wir dem älteren Herrn hinter uns die Tür auf. „Wos gibt’s leicht?“, fragt er hektisch, aber nicht unfreundlich. Offenbar ist Richard Lugner es nicht gewohnt, dass Leute ihm einen Gefallen tun, ohne von ihm zu erwarten, dass er im Gegenzug seine Nase in eine Kamera hält. „Äh, eh nix“, erwidern wir, und Lugner zieht eilig weiter – vermutlich zur nächsten Kamera.

Wir haben uns im Casino Baden eingefunden, um der Miss Austria Wahl 2012 beizuwohnen. Wie ich in dieses Schlamassel geraten bin, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass wir jetzt hier sind, in unseren feinsten Anzügen und Abendkleidern, auf der Suche nach der schönsten unter den großen Töchtern dieses Landes (wenig überraschend wird sich am Ende herausstellen, dass die schönste Österreicherin eine Russin ist).

Casino Baden

Wer zu viel Geld hat, lässt es hier, im Casino Baden.

Im ersten Stock tummelt sich bereits das Who-Is-Who der ATV-Schickeria: neben Mörtel finden sich Bambi und Mausi und dazwischen auch ein paar weniger wichtige Leute mit richtigen Menschen-Vornamen. Die letztjährige Miss Austria, Carmen Stamboli, schenkt den Fotografen ihr Botox-Lächeln. Man erblickt nur wenige Gäste mit natürlichen Gesichtszügen. Die meisten tragen aufgemalte Augenbrauen, Schlauchbootlippen und Faceliftings zur Schau, die ihren Gesichtern den Ausdruck ängstlicher Kätzchen verleihen. Wer zur High Society gehören will, darf scheinbar nicht wie ein Erdenbürger aussehen.

Wir entfliehen dem Maskenball im Foyer und betreten den Festsaal – Zutritt nur für VIPs (und jeden, der 130 Euro hinblättert): Schönheitschirurgen, Unternehmer, Adelige. Society-Ladys und -Prinzen (so steht es auf den Platzkärtchen). An unserem Tisch sitzt auch eine ehemalige Miss Austria aus den 90er Jahren. Sie findet Gefallen an der pinken Kamera meiner Begleiterin und steckt uns ihre Visitenkarte zu. „Supermodel Eva“, ist darauf zu lesen. „Vielen Dank für Ihren Besuch auf meiner Homepage“. Wir bedanken uns und versuchen, ein wenig Small Talk zu betreiben. Doch nachdem das Wunder der pinken Kamera hinreichend thematisiert wurde, macht sich unangenehme Stille breit, und ich erwarte jeden Moment ein vorbeiwehendes Tumbleweed. Ungefähr zur selben Zeit entdecke ich, dass der Wein gratis ist.

Nach einem zweigängigen Abendessen gehen die Lichter im Saal aus, und er erscheint: „Dreifacher Romy-Preisträger, drei Mal zum Journalisten des Jahres gewählt. Dominiiiiiiiic Heinzllllllll!“

Heinzl

Dreifacher Journalist des Jahres. Vollkommen zu Recht.

In einem Pailletten-besetzten Smoking tänzelt Heinzl über die Bühne. Der blondierte Seitenscheitel hängt ihm ins Gesicht, das aussieht, als hätte er jahrelang unter der heißen Sonne Australiens Krokodile gejagt. Heinzl kalauert sich durch Schmähs über die AUA und die Lugner City, beflegelt den Soundmann („Du bist schiach, i bin schee“) und flirtet mit Mausi Lugner. Er redet und redet und redet. Als die eigentliche Show endlich beginnt, ist es bereits nach zehn Uhr, und ein tiefes Gefühl innerer Beklemmung überkommt mich. Dankenswerterweise ist meine Begleitung mit der Rotweinflasche zur Stelle und sieht zu, dass mein Alkoholpegel sich nicht in die falsche Richtung bewegt.

Im Laufe des Abends werden die Teilnehmerinnen – Missen und Vizemissen aus den Bundesländern sowie eine Miss Online“ – vorgestellt. Das Prozedere sieht hierbei wie folgt aus: Heinzl stellt eine Frage, die darauf abzielt, seine Interviewpartnerin dumm dastehen zu lassen („Naaaaa, was war denn im Jahr 1789, hmmmmm?“). Die Miss ist damit in aller Regel überfordert und gibt sich als liebenswertes kleines Dummchen („Das hamma beim Studium noch nicht durchg’macht, hihi.“). Das Publikum vergeht in selbstherrlichem Gelächter, bevor Heinzl die Situation mit einem anzüglichen Witzchen entspannt („So jung und fesch, da muss man nicht alles wissen“).

Heinzl und Miss

Hihi, hoho! Heinzl beim Geplänkel mit einer Miss.

Während Heinzl eine Teilnehmerin nach den Sehenswürdigkeiten der Weststeiermark befragt, und sie zum Amüsement der Zuseher die „Mundblashütte“ nennt, wandert mein Blick auf den Tisch. Wenn ich flink bin, überlege ich, könnte es mir gelingen, eine der liegengebliebenen Gabeln zu erhaschen und sie mir in die Kehle zu rammen, bevor das Personal das Besteck abserviert. Doch ich zögere zu lange und schon räumt eine emsige Do&Co-Kraft den Tisch ab.

Heinzl bittet einen Vertreter der Miss Austria Corporation zu sich, der wir diesen und andere Schönheitswettbewerbe zu verdanken haben. Der Mann hievt seinen geriatrischen Körper auf die Bühne und nimmt dem Moderator das Mikro aus der Hand. Die Miss Austria Wahl sei für alle Teilnehmerinnen eine große Chance, erzählt er. Eine der vergangenen Siegerinnen hätte das eindrucksvoll bewiesen: „Sie ist bei der internationalen Miss Universe angetreten, und dort zur besten Frau gewählt worden. Also, zur besten hellhäutigen, gewonnen hat eine dunkelhäutige. Sie hat dann Roberto Cavallo kennen und lieben gelernt. Heute ist sie mit ihm verheiratet und steht dem großen Cavallo-Imperium vor.“ Jauchze, jubilier und singe, feministisches Herz, endlich können auch Frauen Karriere machen!

Wollen auch zur  „besten hellhäutigen Frau“ gewählt werden: die Missen.

Dann lassen die Missen die Hüllen fallen. Auf den Badeanzug-Durchgang folgt die Bikini-Runde. Als ich mich gerade Rotwein-schlürfend von den letzten Resten meines Intellekts verabschiede und die vorbeistaksenden Ärsche evaluiere, tippt mir meine Begleiterin auf die Schulter: Der eine Juror is a Arbeitskollege von mir“, flüstert sie mir ins Ohr. „Dem hob i bei der Firmenfaschingsfeier Lametta auf die Glotzn aufipickt.“ Eine schöne Anekdote zu später Stunde.

Als sich der Abend dem Ende zuneigt, glaube ich, ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Es erweist sich jedoch schnell als Starlight-Express, der mit Vollgas auf uns zugerast kommt. Was wir nämlich noch vor uns haben, ist ein ganz besonderer musikalischer Leckerbissen…

Sister Act meets Queen

Joyful, joyful!

Männer und Frauen in Nonnenkostümen hopsen auf die Bühne, um ein Medley aus „Sister Act“-Songs und den größten Hits von Queen zum Besten zu geben. Genüsslich beginne ich, mir „Final Destination“-artige Szenarien auszumalen: Ein Scheinwerfer stürzt herab und erschlägt Dominic Heinzl. Durch einen Kurzschluss entzünden sich die Vorhänge. Die panische Menge stolpert zu den Ausgängen und zertrampelt den hilflos auf dem Boden liegenden Tony Wegas. Doch alle Ausgänge sind versperrt. Hunderte sterben in der Feuersbrunst. Zurück bleiben nur Asche und der Geruch von verbranntem Silikon.

No such luck. The show must go on.

Party

Don’t stop me now, I’m having a good time!

Immerhin: Wir haben es in die letzte Runde geschafft. Die Punkte der Juroren werden zusammengezählt, und die fünf Finalistinnen versammeln sich ein letztes Mal auf der Bühne.

Angespanntes Warten.

Wie man aus Casting-Shows weiß, muss dieser Moment zelebriert werden wie eine heilige Messe. Die Bekanntgabe der Siegerin erfolgt im Stil von Dagobert, dem Krokodil („Gewonnen hat… Wollt’s ihr’s wirklich wissen? Ich sag’s niiiiiicht…“) und wird so lange hinausgezögert, bis man Heinzl sein Mikrofon aus der Hand reißen und ihn damit krankenhausreif prügeln möchte.

Endlich – ENDLICH! – nennt er den Namen der Siegerin: Es ist die 17-jährige Amina Mirzakhanova alias Dagi (nein, nicht diese Dagi).

Die Dagi

„Ihr Familienname war so unaussprechlich, dass sie in Österreich einen annahm, der an ihr Geburtsland erinnert und dennoch einfach über die Lippen kommt“, wird man am nächsten Tag im Internet über die gebürtige Russin lesen können. So was nennt man dann wohl Integration. Michael Häupl wird stolz sein.

Als wir uns endlich zum Ausgang bewegen, fühle ich mich erleichtert und schmutzig zugleich, als wäre mir der letzte Rest einer gar nicht mehr vermuteten Unschuld genommen worden. Ein Ambros-Zitat kommt mir in den Sinn: „Wem heut ned schlecht ist/Des kann ka Guada sein.“ Ich muss mehr Ambros hören, denke ich.

Mehr dazu demnächst…

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Mobile reporting at its best!

Das deutsche Kanzlerduell 2013 war eine ziemliche Schnarchpartie. Zum Glück haben wir uns hinter den Kulissen die Zeit mit großartigem Journalismus vertrieben.

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Angela Merkel beim TV-Duell

Die Frau am Schalter würdigt mich kaum eines Blickes. Ich habe extra meinen Reisepass mitgebracht, außerdem meinen Presseausweis und eine Bestätigung meiner Akkreditierung. Das alles interessiert sie nicht. Forsch fordert sie mich auf, meinen Namen zu sagen. Ich tue es, und sie reicht mir ein Lanyard mit meinem Zutrittspass.

Ich hatte angenommen, dass es schwerer sein würde, ins Studio zu kommen. Immerhin werden hier gleich Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Peer Steinbrück zum „Kanzlerduell“ antreten. Einen Raum weiter wird mir dann klar, warum es am Eingang so locker zugeht: Die Zuschauer befinden sich nicht im selben Studio wie Merkel und Steinbrück, sondern in einer großen Halle, in der die TV-Konfrontation auf zwei Leinwänden übertragen wird. Ich bin also eine Stunde lang mit dem Fahrrad zum Studio in Adlershof gefahren, um mir die Diskussion im Fernsehen anzusehen. Der Abend beginnt gut.

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Gemütliche Wohnzimmeratmosphäre zwischen Kameras, Scheinwerfern und Menschen in Anzügen.

In der Halle wuseln Menschen in Anzügen umher, dazwischen Kellner, die Häppchen und Getränke servieren. Ich suche meine Kollegen A, B, C, und D und finde sie erwartungsgemäß an der Weinbar. Aufgeregt begrüßen sie mich. Ob ich schon die vielen Promis gesehen hätte, fragt mich A. „Da hinten ist Ingo Appelt, gleich hinter dir steht Uschi Glas, und der da rechts ist… na, wie hieß er noch… den kennt man doch….“ Den Menschen neben mir habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Um A nicht zu enttäuschen, sage ich trotzdem ehrfurchtsvoll „Aaaahhh!„. Sie gibt sich damit zufrieden.

Die Aufregung meiner Kollegen befremdet mich ein bisschen. Über ihre Smartphones gebeugt stehen sie da und twittern ein Sammelsurium aus Hashtags, Links und Selbstportraits. Anscheinend gibt es Leute da draußen, die das interessiert, denn wenig später hält mir Kollege B triumphierend sein Handy unter die Nase: „Alter, der Branding-Manager von Ernst & Young hat meinen Tweet retweetet!!“

Kollegin C befiehlt mir, auch zu twittern. Hastig verfasse ich einen Tweet für meine 22 Follower über das Buffett beim #tvduell zur #BTW2013. Der richtige Hashtag lautet jedoch #BTW13 und Buffet schreibt man nur mit einem „t“. Ob ich das jetzt noch korrigieren könne, frage ich C. „Nein“, sagt sie mit strenger Miene und hackt weiter mit beiden Daumen auf die Tastatur ihres Handys ein.

„Alter, mir folgt jetzt Peter Altmaier!!!“, ruft B im Vorbeigehen.

Endlich beginnt das „Duell“. Wir richten unsere Blicke auf die Leinwand. Ich bin zuversichtlich, dass ich heute viel über deutsche Innenpolitik lernen werde. Ich kann es kaum erwarten, mich zu entrüsten, den Kopf zu schütteln, die Faust in die Luft zu recken und zu schreien: „Jaaaaa!! Meine Stimme habt ihr… hättet ihr… wenn ich wahlberechtigt wäre!!!!“ 

Nach etwa einer Minute merke ich allerdings, dass ich dem monotonen Gequatsche, das da oben von der Leinwand hallt, nicht mehr zuhöre. Steinbrück und Merkel fallen ja fast selbst die Augen zu, während sie ihre Wahlslogans herunterbeten. „Deutschland steht heute gut da“ hier, „Mindestlohn einführen, Strompreise nicht erhöhen“ da. Ab und zu quäkt Stefan Raab als fleischgewordene Bankrotterklärung des deutschen Polit-Journalismus dazwischen. Dann lachen die Zuschauer pflichtschuldig und sagen: „Nein, dieser Raab, solche Fragen stellt sonst keiner!

Auch meine Kollegen schenken dem Geschehen auf der Leinwand keine Beachtung mehr. Sie scheinen diesen Abend auf einer Meta-Ebene dokumentieren zu wollen und fotografieren Menschen, die Menschen fotografieren, die gerade von Kamerateams interviewt werden. „Mobile reporting at its best“, nennt B das später. Ich überlege ein Foto davon zu machen, wie Menschen Menschen fotografieren, die Menschen fotografieren, die gerade gefilmt werden und entscheide mich aus Respekt vor mir selbst dagegen.

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Anstattdessen mache ich dieses Bild: Traumberuf Kameramann.

Endlich geht das „Duell“ zu Ende. Jetzt beginnt für uns die Jagd. Wie hungrige Wölfe stürzen wir uns auf Klaas Heufer-Umlauf, Peter Altmaier und Ursula von der Leyen. Vor uns ist niemand sicher. Wir haben Blut geleckt. Wir sind Interview-geil. In meiner Euphorie schlage ich ein Interview mit Uschi Glas vor. Die Reaktion meiner Kollegen muss man sich vorstellen wie die Szene im Western, wenn der Sheriff in die Bar kommt und die gute Stimmung im Saloon mit einem Mal vorbei ist. Der Pianist hört auf zu spielen. Alle sehen mich entgeistert an.

„Uschi Glas“, sagt D. „Das passt irgendwie zu dir.“ Es ist vielleicht das Demütigendste, was je ein Mensch zu mir gesagt hat.

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ORF-Korrespondent Peter Fritz weiß die Uschi auch zu schätzen.

Als wir uns zum Ausgang bewegen, um den langen Heimweg anzutreten, bekomme ich ein bisschen Heimweh. Sehnsüchtig denke ich an die lustigen Kanzlerduelle in Österreich.

Daheim ist es halt doch am schönsten…

This will be my year

Bettlägrige Menschen verlassen ihre Wohnung öfter als ich. Zwei Wochen Urlaub haben aus mir einen Pflegefall gemacht. mjam.at ist meine Heimhilfe.

Wenn ich aufwache, ist es draußen schon wieder dunkel. Ächzend schlurfe ich ins Badezimmer und drücke die doppelte Ration Zahnpasta aus der Tube, um den Geschmack von Zigaretten und Kebap aus dem Mund zu vertreiben. Der Blick in den Spiegel macht mich zuversichtlich, dass 2013 mein Jahr wird.

Auf dem Weg zurück ins Schlafzimmer stolpere ich über einen Berg von Geburtstagsgeschenken für Frauen, mit denen es aus war, bevor ich ihnen die Sachen geben konnte: ein singendes Stofftier, eine „Dirty Dancing“-DVD, ein Ryan-Gosling-Malbuch. Look who’s laughing now, Mädels, das gehört jetzt alles mir!

Endlich zurück im Bett. Auf der Anlage läuft dieselbe beschissene Blur-Platte, die schon seit Monaten im CD-Wechsler liegt. Ich bin zu faul, um etwas anderes aufzulegen, und Alternativen gibts eh keine. Ein Auszug aus meinem Plattenregal L-N: Live, Living Colour, Machine Head, das Soloalbum von Duff McKagan und Mötley Fucking Crüe. Wenigstens habe ich die Singles-Box von Alanis Morissette bei meinen Eltern gelassen, als ich ausgezogen bin, sonst müsste ich meine gesamte Existenz in Frage stellen.

Während ich im Dunkeln auf dem Rücken liege, stelle ich meine gesamte Existenz in Frage. So viel Leid muss sich in Kunst niederschlagen. Ich greife zur Gitarre, die neben mir im Bett liegt. (Wenn man nachmittags betrunken erwacht, fühlt man sich damit mehr wie ein Rockstar und weniger wie der Alkoholiker, der man höchstwahrscheinlich ist.) Die Gitarre gibt etwas von sich, das ein G-Akkord sein sollte, aber klingt wie die Vertonung allen Übels auf der Welt (and not in a good way). Ich schreibe einen großartigen Song, der sich als „All You Need Is Love“ herausstellt, als ich gerade mit den Lyrics fertig bin.

Freunde. Ich brauche jetzt Freunde. Auf dem Handy sind drei ungelesene Nachrichten: Einladungen zum Brunch um 2. Das ist drei Stunden her. Mühselig tippse ich ironisch-verschmitzte Erklärungen für meine späte Antwort, als ob die Menschen, die mir lieb und teuer sind, nicht längst über mein elendes Slackertum Bescheid wüssten. Ich horche in die Dunkelheit hinein, aber niemand schreibt zurück.

Also schleppe ich mich in die Küche. Warum Einkaufen gehen, wenn man wiederholt in den Kühlschrank schauen und hoffen kann, dass er sich irgendwie selbst gefüllt hat? Weil keine Milch da ist, beschließe ich, den Kaffee mit Joghurt zu trinken, was sich bald als die schlechteste Idee erweist, die jemals ein Mensch hatte.

Vor dem Computer erinnere ich mich an unbeantwortete Mails, an ungeschriebene Artikel, an unbezahlte Rechnungen. Jetzt ist Zeit, das alles anzupacken. Wann, wenn nicht jetzt? Ich habe Urlaub, ich bin ausgeschlafen – zumindest sollte man nach 13 Stunden Schlaf ausgeschlafen sein, oder nicht? –, ich bin das Leben selbst. Nothing can stop me now!

Ich öffne Facebook und versuche, nicht groß über die Konsequenzen nachzudenken.

Oben links eine Freundschaftsanfrage. Wider Erwarten ist sie nicht von der bezaubernden Frau, die mir gestern die Historie ihrer Ex-Freunde plus Schlussmachgründe erklärt hat, sondern von einem mir unbekannten Herren. Er stellt sich später als das Alter Ego von E heraus, der eine neue Identität braucht, weil er zu viele Freunde hat. So muss jeder sein Pinkerl tragen.

Während ich die Status-Updates entlangscrolle und mir Bilder der Haustiere von Menschen ansehe, die ich ein Mal im Leben getroffen habe, überkommt mich eine optimistische Grundstimmung, weil ich den Großteil der Menschheit noch mehr hasse als mich selbst.

Genug gearbeitet.

Warum liegt auf meinem Schreibtisch ein Jagdmesser? Egal. Nicht darüber nachdenken. Es wird schon alles seine Richtigkeit haben.

Unglücklicherweise muss ich auf dem Weg zurück ins Bett an einer Spiegelwand vorbei. Ein Blick auf meine weißen Beine, die Augenringe und den Bauchansatz bestätigt: 2013 wird mein Jahr!

Saved by The Boss

Every morning, when I get up and sit down at the living room table with a bowl of cornflakes, Bruce Springsteen is there to greet me with a smile. He smirks at me from a “Born To Run”-poster, that’s been hanging on my wall for over a decade now. I remember the day I got it vividly. It was one of the best days of my life…

Bruce smirks, Tom waits

It was the spring of 1999. Up until then my coming-of-age had not exactly played out like a John Hughes movie: pimple-faced and socially awkward I didn’t attract any Molly Ringwalds. Instead of living the Ferris Bueller high-life, I was pretty much ignored by my fellow students. I found it hard to fit in with boys my age. What was more, I didn’t want to fit in with the baggy pants wearing jocks who yelled “faggot” at anyone who was physically smaller, had better grades or wouldn’t know how to kick a football if his life depended on it (I fell into all three of those categories). Naturally, I turned into a loner pretty soon.

What has Springsteen got to do with all of this? Well, everything.

It’s hard to describe how much reassurance a simple line like We bursted out of class/Had to get away from those foolscan give an irritated teenage boy. It made me feel less alone. I did learn more from that three-minute record than I ever learned in school: I learned how to walk the halls with swagger amidst people who despised me and vice versa. No retreat, baby, no surrender.

I had only discovered Springsteen’s music when I was about 14 years old. I got “Born In The U.S.A.” and “Born To Run” first and was hooked straight away. The more I listened, the less I could get enough of all those stories of shattered dreams, guys racing in the streets and girls waiting on the porch for a wild-eyed lover in some huge American car to take them to a better place. Springsteen had a way of turning frustration into energy. He made it seem cool to be an outcast.  To my miserable teenage ears his songs were like a voice of reason when nothing else made much sense.  I immediately accepted him as The Boss.

Around the same time I fell madly in love with a girl that I’d like to call Mary for the purposes of this article. She was not only the prettiest and most intelligent girl in school, but also one of the few people my age who behaved like a normal, kind human being – and for some reason she showed interest in acne-plagued old me. We started going out on a few dates, and although I never dared to dream that any more could come of it, for the first time in a long time the outside world didn’t just seem to be hostile and repellent.

Then it was announced that Springsteen would get the E Street Band back together, and they’d go on a tour, which would also bring them to Vienna, where I lived.

That was the icing on the cake. It was perfect timing. I collected every piece of information I could get my hands on. In 1999 most people already had access to the internet, but my family wasn’t most people. My dad was convinced that all you really needed to make it into the next century was teletext. Somehow I still managed to piece together the setlist Springsteen and the band were playing on that tour. I put all the songs on a mix-tape and proceeded to blast them through my crappy Walkman headphones 24/7. When the big day – the day the E Street Band came to Vienna – finally arrived, I was more than ready.

My mom drove me to the concert hall at noon. I had dressed up in a white shirt and a waistcoat, Bruce-style – only I wasn’t Bruce and looked like a bit of a dork.

Glad I never got my hands on a bolo tie...

Thank God I never got my hands on a bolo tie…

At the venue some fans had already gathered, drinking beer and waiting for the gates to open.  As we stood there, a man – I’d like to believe it was Jon Landeau in hindsight – joined us at the fence and asked us not to run, once we were let in.

This is going to be a three-hours show”, he said. “Let’s make sure we can all enjoy it without anybody getting hurt.

His words just got us more excited. Three hours! Of course, when the gates did open, we all ran like the devil.

What happened inside later that night, doesn’t really need to be described. Most of you have experienced the power of a Springsteen performance yourselves. It was a mind-blowing show, easily the best gig anyone had ever played anywhere. Just like every time I saw Springsteen afterwards.

I came out of the hall sweaty and happy and felt like a newborn. I spent the last of my hard-saved pocket money on a t-shirt and a poster – the poster – and thought about what to do next. Going home was not an option. I was still too hyped up from what I had just witnessed.

In my euphoria I worked up the courage to call Mary. She was at a party with friends and asked me to join her. I did, and as we finally kissed, I made a solemn promise in my head to let the world know someday that Springsteen saved my life that night.

Hey, give me a break! I was just an excited kid in a waistcoat.

Mary and I would stay together for ten years. It was a huge Springsteen-esque romance (we probably “swore we’d never part” at some point) – but it wasn’t meant to last. When we split up – incidentally weeks after another E Street Band show –, I resorted to Springsteen’s music for comfort again and found it in songs like “Drive All Night” and “One Step Up”.

It’s this quality I admire most in The Boss: He never lets you down. He celebrates with you when you’re winning and picks you up when you’re down. He’s like the best friend that I’ve never met. And that’s why that poster in my living room isn’t coming off any time soon.

This article was first published in „Jungleland – A Springzine

Luft, Liebe und Leberkäs

Das Schlager-Duo Marjan & Lukas präsentiert sein Debütalbum „Luft und Liebe“. Eine der beiden Zutaten wird heiß serviert.

Mittags reißt mich eine SMS von meinem guten Freund M aus dem Schlaf. „Gehe heute Abend zu einem Schlager-Showcase. Bock mitzukommen?“, schreibt er. Wenig später folgt ein Nachtrag: „Es gibt gratis Leberkäs!“

Das Event, zu dem M mich locken will, ist die CD-Präsentation des Schlager-Duos Marjan & Lukas im Gürtelbogenlokal Local. Als ich dort ankomme, gibt es zwar keinen Leberkäs, dafür steht Alfons Haider mit stolzem Gockelblick und blauem Ledersakko am Eingang. Nicht weit von ihm tummeln sich die Kamerateams von ATV und Chili. Vielversprechende Vorzeichen also für einen unvergesslichen Abend.

Ort des Geschehens: Das Local, 1190 Wien

M ist gerade in ein Gespräch mit einem Arbeitskollegen vertieft, der, wie sich herausstellt, ebenfalls mit der Aussicht auf Gratisleberkäse geködert wurde. Ich sehe mich um und überlege, ob wohl irgendwer aus einem anderen Grund hergekommen ist. Tatsächlich scheint der Großteil des Publikums aus einer Mischung von Leuten zu bestehen, die überall anders lieber wären als hier: Society-Reporter, Kameramänner und Vertreter der Plattenfirma, die sich phlegmatisch betrinken. Vereinzelt sieht man auch ältere Damen und präpubertäre Mädels, reine Seelen, die Eintrittskarten gewonnen haben und sich ehrlich auf das anstehende Konzert freuen.

Wenige Meter von uns entfernt stehen Marjan Shaki und Lukas Perman, die Stars des Abends, und geben Interviews. Sie tun dies scheinbar ausschließlich in Löffelchenstellung. Lukas ist manchen vielleicht noch als Teilnehmer der ersten Staffel von „Starmania“ in Erinnerung, bei der er vor Boris Uran und Andreas Schneider ausgeschieden ist (was eine ganze Menge über das Charisma dieses Mannes verrät). Heute ist Lukas Musical-Sänger. Bei der Arbeit an einer Inszenierung von „Romeo und Julia“ lernte er Marjan kennen. „‚450 Abende lang Küsse und gemeinsames Sterben auf der Bühne“, schwelgt er. „Wir konnten gar nicht anders als uns zu verlieben.“

Das „verflixte“ siebte Jahr einer Beziehung nutzen viele Paare, um sich zu trennen. Marjan & Lukas haben ein Schlager-Album aufgenommen: „Luft und Liebe“. Heute Abend wollen sie das Werk der Welt präsentieren.

Marjan & Lukas. (v.l.), Luft & Liebe. (v.r.)

Wir betreten das Lokal und erhalten ein paar willkommene Bons für Freigetränke. Es dauert nicht lange, dann erklimmen Marjan & Lukas die Bühne. Toll, dass so viele gekommen sind!“, sagt Lukas mit dem Charme eines Vorzugsschülers, der sich freiwillig zur Stundenwiederholung meldet. Hoffentlich wird das Wetter morgen auch so schön, damit die aus Deutschland angereisten Journalisten Wien auch so richtig genießen können.“

Das Playback setzt ein.Ich gehör dir/Dein Herz hat mich eingekreist“, croont sich Marjan in Rage. Jetzt geht’s richtig los: Händchenhalten, Grinsen, Glücklichsein – so muss es sich Sven Regener erträumen, wenn er bei Konzerten die Arme hochreißt und ungestüm Romantik einfordert. Uns wird schnell klar, dass wir mit den wenigen uns gegebenen Freigetränken nicht das Auslangen finden werden.

Zwischen den Songs redet Lukas gerne und viel. Er wolle den Schlager wieder zurück zu seinen Wurzeln führen, meint er, zurück zu Katharina Valente und Peter Alexander. „Als Schlager einfach so viel bedeutete wie ‚Hit‘ – a guh-ade Scheibn halt!“ Dann setzt er sich eine rosa Sonnenbrille mit Herzchengläsern auf die Nase und turtelt mit Marjan wie einst Peter Kraus mit Connie Froboess. Dabei wird unablässig gegrinst. Wenn man in der U-Bahn so angegrinst wird, sieht man besser zu, dass man weiterkommt, bevor man ein Messer im Rücken hat.

Grinsekatzen.

Ich mache mir ein wenig Sorgen um M, der schon seit längerem das Gesicht verzieht, als hätte er Zahnschmerzen. Das hat er jetzt von seinen Leberkäs-Lügen. Immer wieder blenden uns die Scheinwerfer der TV-Kameras, also versuche ich, einen ostentativ gelangweilten Gesichtsausdruck aufzusetzen, um im Fernsehen später möglichst cool auszusehen. Vielleicht, stelle ich mir vor, wird Schlagerhören durch uns das nächste ironische Hipster-Ding nach Schnurrbärten und geschmacklosen Strickpullovern von Humana. (Meine Hoffnung erweist sich bald als unbegründet: Am nächsten Tag werden M und ich in einem Beitrag auf ATV als „biertrinkende Touristen“ bezeichnet.)

Auf der Bühne haben sich unterdessen ein Pianist und ein Gitarrist eingefunden. Marjan äußert den Wunsch, dass sich die beiden während des nächsten Stücks ineinander verlieben. Hier muss wirklich alles Liebe sein. Liebe bis zum Abwinken. Wollt ihr die totale Liebe? Seit 5:45 Uhr wird zurückgeliebt!

Selbst auf dem Klo zählt nur die Liebe.

Und wie heißt das nächste Stück? „Überall ist Liebe“ natürlich! Es enthält die eigenwillige Textzeile „Zwei Männer Hand in Hand auf einem Bahnhof“. Obwohl es erfreulich ist, dass Homosexualität im Schlagergenre scheinbar mehr Akzeptanz findet als beim Pfarrer von Stützenhofen, erscheint das Setting, in dem diese beiden Herren präsentiert werden, eigenartig. Vielleicht wäre eine Autobahnraststätte draus geworden, wenn es das Versmaß zugelassen hätte.

Schließlich hat Marjan die erste wirklich gute Idee des Abends: Jedes Mal, wenn sie das L-Wort sagt oder singt, sollen wir, das Publikum, ein Stamperl Schnaps trinken – ein grandioser Vorschlag, doch leider ist die Leber, die so viel Schnaps verträgt, noch nicht geboren. (Aber ich bitte dich, komm zur Welt!) So kämpfen wir uns einigermaßen nüchtern durch den letzten Song, „Luft und Liebe“, ehe der Spuk ein Ende nimmt.

Als Marjan & Lukas von der Bühne gehen, werden sie von Kamerateams eingekreist, und Alfons Haider stürzt sich auf die beiden wie ein hungriger Löwe auf ein trächtiges Gnuweibchen. Schnell suchen wir den Weg ins Freie, wo weniger Liebe und mehr Luft ist.

Alfons Haider und ein Hemdkragen, mit dem man um die Welt segeln kann.

Auf dem Nachhauseweg hole ich mir meine wohlverdiente Leberkässemmel vom Würstelstand. Während ich sie verspeise, geht mir „Luft und Liebe“ noch immer im Kopf herum. Ein Ambros-Titel kommt mir in den Sinn: „Von Liebe ka Spur“. Ich muss mehr Ambros hören…

(Achtung! Das folgende Video ist ein Ohrwurm aus der Hölle. You can’t unhear it! Anklicken auf eigene Gefahr.)

Ich muss bloggen!

Als ich unlängst Nick Talbot aka Gravenhurst für den Musikexpress interviewte, meinte der so: „Du bist Journalist. Du hast doch bestimmt ein Blog.“ Das brachte mich ein wenig in Verlegenheit. Ja, klar hätte ich ein Blog, stammelte ich, aber jetzt grade, puh, da sei wahnsinnig viel los bei mir, weswegen das alles ein bisschen auf Eis läge.

Das war natürlich gelogen. Gebloggt habe ich zwar schon mal vor ein paar Jahren „beruflich“, aber seitdem nie wieder einen Gedanken daran verschwendet. Gott sei Dank war Talbot so freundlich, einfach weiter zu quasseln und von seinem Blog zu erzählen, für den der alte Streber neben seiner Karriere als Songwriter, Musiker und Comic-Zeichner/Verleger durchaus noch Zeit findet. Das gab mir zu denken. Als ich mir das Interview beim Transkribieren noch einmal anhörte, manifestierte sich der Gedanke in mir: Ich muss bloggen!

So ein Blog braucht ja heute jeder Journalist quasi als Visitenkarte. Wir schreiben ohnehin alle aus Leidenschaft, auch in unserer Freizeit, und Bezahlung wird sowieso überbewertet. Deswegen findet ihr an dieser Stelle ab heute in unregelmäßigen Abständen meine kosten-, aber hoffentlich nicht wertlosen Ergüsse. Hauptsächlich wird es um Musik und Filme gehen, manchmal werde ich ein bisschen grantig sein. Sorgfältiges Redigieren und Kommasetzung sind meine Steckenpferde nicht. Ich bitt‘ recht schön um Entschuldigung und hoffe, dass wir‘s trotzdem nett miteinander haben werden.

Und überhaupt: Das Wichtigste ist ja, dass ich dem Talabot was sagen kann, wenn er das nächste Mal anruft und unangenehme Fragen stellt…

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